Sänze-Emil-1804_80mmLiebe Leser,

der Terroranschlag am Jom-Kippur-Feiertag gegen die Synagoge (und die Dönerbude) in Halle – Sie konnten ihn in den Medien gar nicht ignorieren, denn er ist allgegenwärtig. Zunächst möchte ich den Hinterbliebenen der Opfer mein tiefes Beileid aussprechen. Dann gilt es den Vorgang gründlich aufzuklären. War es ein Einzeltäter? Stand eine Organisation hinter ihm? War ausgerechnet am höchsten jüdischen Feiertag gerade diese Synagoge wirklich nicht bewacht, im mindesten Fall nicht wirksam, und falls ja, warum? Sind nicht gerade Synagogen der Augapfel unseres Staates, der aus der Morderfahrung des NS-Staates heute eine besondere Schutzverantwortung spürt? Und natürlich wissen, die Waffe ist kaum kalt, die Berufensten in dieser Republik auch über Nacht, wie der Hase läuft (BILD online am 10.10.2019, 8.56 Uhr): „Bayerns Innenminister gibt AfD Mitverantwortung. (…) Das eine sind diese schrecklichen Gewalttäter, vor denen wir uns schützen müssen, das andere sind auch die geistigen Brandstifter, da sind in letzter Zeit auch einige Vertreter der AfD in unverschämter Weise aufgefallen“ (…) „Höcke ist einer der geistigen Brandstifter, wenn es darum geht, wieder mehr Antisemitismus zu verbreiten. Darüber müssen wir jetzt die politische Auseinandersetzung führen.“ Das Muster ist klar: Der Anschlag wurde nicht verhindert. Böse Politiker aus dem gegnerischen Lager seien als „Brandstifter“ Schuld – unsereiner also, Ihr gewählter Abgeordneter.

Ein paar Vorbemerkungen zu dieser perfiden Äußerung. Sie war natürlich zu erwarten – verzeihen Sie mir bei diesem Anlass die Polemik – von einem Epigonen, der meines Erachtens die Schuhe des bayerischen Überpolitikers Strauß auch in Hundert Leben nicht ausfüllt, genauso wenig wie Innenminister Seehofer. Sie müssen sich mit den Fähigkeiten behelfen, die ihnen ihre Natur gegeben hat. Nur hat anderen Menschen die Natur eben auch ein Gewissen und Pietät mitgegeben, während hier aus den Friedhofsblumen Nektar für den politischen Kampf gesogen wird. Nein, lustig ist wahrhaftig anders, aber heulen kann man auch nicht. Es ist so primitiv gestrickt. Ich muss nach diesem Attentat ja heute froh sein, dass eine „politische Auseinandersetzung“ mit der AfD angekündigt wird (seit wie vielen Jahren schon?) und dass ich als Nationalkonservativer, Merkel-, Greta- und Rackete-Kritiker und überhaupt als radikaler Demokrat im Deutschland des Jahres 2019 nicht gleich im Umerziehungs-GULag lande. Wobei mir auffällt – schon nach dem Lübcke-Mord wurden wir AfD-Politiker mit Schuldvorwürfen überhäuft, und von dem so plakativ demonstrierten Täter haben wir schon seit geraumer Zeit gar nichts mehr gehört. Wollte man aus der Union nicht schon damals für AfD-Meinesgleichen die Grundrechte einschränken?

Und ehrlich gesagt, dass man nicht gleich eine Photoshop-Montage aus der Tasche gezogen hat, die den Attentäter mit Höcke oder Weidel  zeigt, oder eine händisch von diesem abgezeichnete „Feindesliste“, das fehlte noch. Da wäre die allgegenwärtige Hetze wenigstens konsequent zu Ende geführt gewesen: Schon dass der Täter Tarnzeug trug, ließ mich daran denken, ob man jetzt wieder „Uniter“ oder sonstige ständig medial moussierten angeblichen Polizei- oder Militärverschwörungen auspacken würde – und einen Vorwand zu immer neuen, die Staatsorgane demoralisierenden politischen Säuberungen fände, und wieder ein paar Hinter-vorgehaltener-Hand-kritische Offiziere den Hut nehmen müssten. Unsere Freunde von der Union tun sich in der Hetze  gegen demokratische Andersdenkende keinen Zwang antun – sie wollen den Begriff Konservatismus monopolisieren und ihre Konkurrenz kriminalisieren, gerade weil sie sich aus seiner Bedeutung verabschiedet haben. Die Forderungen, politisch Andersdenkenden die Grundrechte einzuschränken, scheinen mir nach dem Lübcke-Mord ein Versuchsballon gewesen zu sein. Der politische Gegner will diesen schrecklichen Vorfall sozusagen zum politischen „Aufräumen“ nutzen, gerade wie nach der NSU-Mordserie ein hysterisches Klima erzeugt wurde, in dem jeder Protest gegen die zügellose Migrationspolitik der Bundesregierung als vermeintlich rechtsradikal niedergeschrien werden konnte. Und wer erinnert sich nicht an die merkwürdigen Schul-Amokläufe eigenartig treffsicherer Schützen, mit denen die Generalmisstrauen und Entwaffnung der (legalen) Gesellschaft betrieben wurden und bei mit Schusswaffen verübten Verbrechen illegale und legale Waffen nicht mehr unterschieden wurden?

Die Erklärungsmuster, die jetzt bemüht werden, sind zu grell, zu penetrant und beleidigen bei näherem Hinsehen den Intellekt. Die Farben sind zu dick aufgetragen, als bestehe dieses Land nur aus der BILD und aus Nazis. Überhaupt kann man den Eindruck aus der täglichen Berichterstattung bekommen, in diesem Land gäbe es heute mehr Nazis als 1933 bis 1945 zusammengenommen. Und stets ist die ritualisierte Bekämpfung eines sozusagen personifizierten Bösen, wo sie Staatszweck wird, das sichere Anzeichen einer Ideologie, auf die man ein Auge haben sollte. Es ist schon klar: Es geht wieder das Kesseltreiben los. Medienkonzerne werden sich in Selbstverpflichtungen zur Tilgung von Hassrede überschlagen müssen. Polizei und Bundeswehr werden schärfstens nach den ewigen Rechtsextremisten – Typus Franco A., fast wie „Brigade Franco-Allemande“, wer kennt sein Aussehen? – ausgekämmt werden müssen. Das Waffenrecht wird wieder verschärft werden. Vor „Reichsbürgern“ wird gewarnt werden. 300 zusätzliche Verfassungsschützer wegen der ewigen rechten Gefahr gab es ja schon vor kurzem, und es wird „allzu schön“ jetzt bestätigt. Es wird Bilder von schwerstbewaffneten Polizisten geben, die an kalt gewordenen Tatorten stehen. Es wird eine Aufstockung der Mittel für die institutionelle Verewigung des Gedenkens geben, anstatt heutige Entwicklungen ehrlich und schonungslos zu analysieren. Es wird gefordert werden, Ego-Shooter-Spiele zu verbieten und die Programme gegen Antisemitismus zu verdoppeln. Ein neuer mit Steuergeldern gesponserter Wettbewerb der Städte wird ausbrechen, wer am „buntesten“ und „weltoffensten“ sein darf, und die Betroffenheit gibt schon 24/7. Es wird Tanz der Kulturen gegen Antisemitismus geben.  Landtagsabgeordnete, die uns sonst mit selbstbeweihräucherten Fahrradjubiläen langweilen, dürfen sich pathetisch produzieren – besonders die verbitterten weißen Männer. Jüdische Gemeinden werden sich vermutlich der Version des Ministers Herrmann in Presserklärungen anschließen und sich damit im ewig gleichen Ritual genau jenen Politikern unterwürfig zeigen, die gestern ihre Hallenser Glaubensbrüder nicht wirksam geschützt haben, so dass das glückliche Fehlen jüdischer Opfer wie eine unerwartete glückliche Fügung im Unglück aussieht. Der Antisemitismusbeauftragte darf wieder zeigen, wofür man ihn geholt hat, und es wird vielleicht nach einer kurzen Betroffenheits-Schamfrist, nicht ohne großspurige Schuldzuweisungen an die AfD ausgehen. Er hat so in das Klima der Zeit gepasst, dieser neue Anschlag und die offiziell täglich geschürten Ängste so eindrucksvoll bestätigt. Nehmen Sie es mir nicht übel – wie seinerzeit ein Marinus van der Lubbe.

So ehrlich  mir die Opfer und Hinterbliebenen dieser Tat leidtun – man muss ja heute froh sein, dass der mutmaßliche Täter ein Einheimischer ist, denn sonst wäre der Fall in den Medien wohl unter „Ferner liefen“ untergegangen und der Täter als psychisch gestört abgetan worden. Den importierten Antisemitismus  traut sich keiner bei seinen ritualisierten und deshalb so sterilen Austreibungshandlungen anzufassen. Der Antisemitismus wird in diesem Land ja offenbar besonders effektiv bekämpft, indem man Antisemiten aus dem Ausland aktiv holt. Ich möchte hier auch an die so oft beobachtete perverse Hierarchie der Opfer erinnern. Natürlich ist es besonders bestialisch, Menschen auch noch an ihrem höchsten Glaubensfeiertag nachzustellen. Wenn es sich aber – so meine Prognose – um den Anschlag eines Vergewaltigers und Schlitzers auf ein einheimisches Mädchen gehandelt hätte, einen dieser berüchtigten Einzelfälle, dann hätten wir alle gestern Abend einen ruhigen TV Abend gehabt. Und Sie hätten den Klarnamen des Täters garantiert auch nicht erfahren, denn jener Täter hätte erst einmal Persönlichkeitsrechte. Und Joachim Herrmann, der sich als prominentes Unionsmitglied zweifellos hervorragend im massenweisen ungeprüften Hereinlassen von Antisemiten, Vergewaltigern und Schlitzern auskennt, hätte sich an die eigene Nase fassen müssen in puncto Verantwortung. Es wird Ihnen als Leser vielleicht aufgefallen sein, dass bereits im Vorfeld des 3. Oktober, dem Nationalfeiertag, sehr intensiv sowohl von Landesinnenminister Strobl, als auch von Bundesinnenminister Seehofer auf die Gefahren von „Hassbeiträgen im Netz“ herumgeritten wurde und dieses Thema in den Medien priorisiert wurde (z.B. Heilbronner Stimme vom 26.8.2019), wo auch der LKA-Chef zu Wort kommen durfte – 86% aller solchen Beiträge seien von „Rechts“ und man habe ein Auge darauf. „Halle“ hing sozusagen geistig in der Luft. Kein Wort davon übrigens, dass laut der Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage 16/6858 meiner Fraktionskollegen Dr. Baum und Dr. Podeswa alle 2019 bisher gegen politisches Personal in Baden-Württemberg verübten Gewalttaten sich gegen AfD-Mitglieder richteten, und ich mache Funktionäre wie Herrn Joachim Herrmann ausdrücklich für das Anheizen dieses realen Gewaltklimas verantwortlich, z.B. indem er unsere Mitglieder als angebliche Antisemiten bezeichnet.  Jegliche Kritik am linken politisch-publizistischen Mainstream soll ja heute als „Hass“ kategorisiert und werden, nur wundert mich immer wieder, in welcher Weise die Anti-Hasser öffentlich hassen und verunglimpfen zu müssen glauben und in eigener Sache das Wort Hetze wohl erst googeln müssen. Faschismus ist ja sprichwörtlich immer, wenn es Andere tun. Letzteres Googeln empfehle ich Herrn Joachim Herrmann dringend.

Der „Große Weiße Menschenfeind“ ist heute gefunden, seht da, er bläst! Der Osten Deutschlands muss sowieso voll mit seinen Schergen sein, und die Republik, die Normalbürger sind täglich bang vor rechtem Terror. Das geht nun schon zehn Jahre so, und die Einschläge kommen an die demokratischen Konservativen immer dichter heran, und dies scheint ja so gewollt. All die kleinen journalistischen Amateur-Ahabs und Starbucks und ihre politischen Schiffseigner rufen zur Jagd, in die Boote, sich am Kadaver des Riesen zu laben, die Goldene Dublone (107 Milliarden Euro / Jahr im Bundesprogramm „Demokratie leben!“) ist längst an den Mast genagelt, jeder prekär Beschäftigte aus den –logen Berufen kann sie sich abholen. Meines Wissens drohte ja die Amadeu-Antonio-Stiftung, deren Überprüfung durch den Verfassungsschutz die Junge Union bereits im Dezember 2016 (s. Tagesspiegel vom 7.12.2016) meines Erachtens zu recht forderte, der 1984 in die BRD übergesiedelten ehemaligen Stasi-IM Kahane – sie rückte ihre Vergangenheit durchaus nicht gleich heraus – bereits zu darben und einige ihrer wertvollen Projekte zu streichen. Dieses Ungemach konnte ja nun abgewendet werden!

Was steht hinter diesen Schuldzuweisungsmechanismen? Jeder Staat braucht zur Herstellung von Zusammenhalt und Glorie, besonders wenn er an inneren Widersprüchen krankt, die nicht artikuliert werden sollen, einen verkörperten bösen Feind seiner Ordnung, den er zu seiner höheren Glorie rituell zermahlen kann. Ich zitiere die Wikipedia (10.10.2019), den Artikel „Zwei-Minuten-Hass“: „Zwei-Minuten-Hass (englisch two minutes hate) aus George Orwells Roman 1984 (…) ist ein tägliches Ritual, bei dem Mitglieder der Partei der Gesellschaft Ozeaniens einen Film über die Feinde der Partei ansehen müssen (hauptsächlich Emmanuel Goldstein und seine Anhänger). Dabei müssen sie zwei Minuten lang ihrem Hass aktiv Ausdruck geben. Die Gefühle des Protagonisten, der Effekt des Films und die Unausweichlichkeit der Manipulation innerhalb einer bestimmten sozialen Situation werden von Orwell in der folgenden Textstelle in personaler Erzählperspektive analysiert.

(Zitat Orwell:) „In einem lichten Augenblick ertappte sich Winston, wie er mit den anderen schrie und trampelte. Das Schreckliche an der Zwei-Minuten-Hass- Sendung war nicht, dass man gezwungen wurde mitzumachen, sondern im Gegenteil, dass es unmöglich war, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Eine schreckliche Ekstase der Angst und der Rachsucht, das Verlangen zu töten, zu foltern, Gesichter mit einem Vorschlaghammer zu zertrümmern, schien die ganze Versammlung wie ein elektrischer Strom zu durchfluten, so dass man gegen seinen Willen in einen Grimassen schneidenden, schreienden Verrückten verwandelt wurde. Und doch war der Zorn, den man empfand, eine abstrakte, ziellose Regung, die wie der Schein einer Blendlaterne von einem Gegenstand auf den anderen gerichtet werden konnte.“

Weiter Wikipedia: „Der Film, sein Publikum und die Geräuschkulisse sind eine Form der Gehirnwäsche der Parteimitglieder, mit der ihnen Hass und Abscheu gegen Emmanuel Goldstein und das feindliche Land vermittelt werden soll. Nach der Darstellung des Romans kommt es nicht selten vor, dass der Hass dazu führt, dass Gegenstände nach der Leinwand geworfen werden, wie es Julia in der entsprechenden Szene tut.“ Pardon, liebe Leser, ich brauche mir nur die öffentlich-rechtliche ARD- und ZDF-Berichterstattung über Trump, Kaczynski, Orban, Salvini und andere – inländische – „Menschheitsfeinde“ anzusehen, dann fühle ich mich in diesem Wikipedia-Eintrag vollkommen zuhause. Orwells Welt ist ein Regime, das seinen Bürgern nicht einmal Rasierklingen garantieren kann, sie aber zwingt anzuerkennen, 2+2 sei 5.

In den Kopf des Täters sehen kann ich nicht. Aus meiner Perspektive scheint sich der Fall jedoch nicht für das Zelebrieren des „großen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdenden politischen Attentats“ zu eignen – eher, zumindest nach dem ersten Eindruck, für die Tat eines gesellschaftlichen Verlierers, der seine Stunde vermeintlichen Ruhms suchte und dazu  noch eine Heldenkamera am Helm befestigte und live übertrug. Sein Dilettantismus in der Ausführung ist episch und schon surreal, als wäre man in einer Welt von Pappkulissen, und so fühle ich mich auch. Es ist also von Vorneherein Amok-Kintopp mit Selbststilisierung vorgesehen, Judenmord, das in Deutschland schlimmste Sakrileg also im Gamer-Stil. Die augenblickliche mediale Reaktion ist enorm, und die Medien sind auch sofort zur Stelle (bei den Pressemitteilungen unserer Fraktion übrigens praktisch nie). Das war freilich, ich bitte Sie, weder das organisatorische Niveau, noch die ideologische Durcharbeitung eines Anis Amri oder eines Breivik mit irgendeinem perversen, aber strukturierten Manifest – es war der Amoklauf eines Stümpers. Es war Fast-Judenmord on Show. Derzeit muss man von einem Einzelgänger ausgehen: Ich glaube nicht, dass dieser Mensch irgendjemanden glaubhaft repräsentiert, schon gar nicht irgendeine organisierte politische Gruppierung oder eine jenseits eines dumpfen Minderheitenhasses strukturierte Weltanschauung. Und sowieso keine Nation oder, Gott behüte, Rasse. Ein Mensch, den ich nach seinem Auftritt für ein kleines Licht halte, geht also wirklich mit einer angeblich selbstgebauten Waffe auf Massen-Menschenjagd, die in den Videos – vorbehaltlich künftiger Klärung – wie eine Kipplauf-Schrotflinte aussieht und Unmengen Rauch entwickelt. Er glaubt tatsächlich, man könne wie im Western eine Tür aufschießen (zumal die Tür einer zweifellos gut gesicherten Synagoge, wir sind in Deutschland!) und für seine Deckungspose wird ihm von medialen „Experten“ völlig unverständlicher Weise eine profunde militärische Ausbildung unterstellt. Er glaubt also, er könne gar eine längere Schießerei mit Spezialpolizei durchziehen und durchstehen. Jeder Polizeiausbilder würde vor Scham weinen, was man seinen Leuten da an Unfähigkeit zutraut. Es ist nicht einfach nur böse, es ist dazu beleidigend schlecht in Szene gesetzt. Verzeihen Sie, aber wir hatten in diesem Land schon in den 1970er Jahren Terroristen in einer anderen Kompetenz-Liga. Der Täter von Halle will Juden töten, denen er – für jeden verständigen Menschen: eigentlich erwartungsgemäß – nicht beikommt, bescheidet sich aber mit zufälligen Opfern. Dazu kann er offenbar nicht erwarten, bis seine mutmaßlichen Opfer aus dem Gotteshaus kommen, sondern wirft seinen Sprengsatz auf einen Friedhof – wo erfahrungsgemäß die meisten Menschen, die sich dort ständig aufhalten, bereits tot sind. Er tötet auf der Straße eine Frau. Der Täter nimmt dann – folgt man BILD – einen beachtlichen Weg zu einem (bestimmten?) Dönerladen in Kauf und tötet einen Menschen, nachdem der Überfall auf die Synagoge nicht klappt, und fährt danach denselben Weg an derselben Synagoge zur selben Einmündung zurück. Die Sache ist traurig und mies, empörend und in ihrer Jämmerlichkeit beinahe banal. Sie ist nicht die Spur eines bösen rassistischen Mastermind mit einer Strategie und einem Plan, sondern ein einmaliges Aufleuchten, ein sehr merkwürdiges dazu. Natürlich ist Antisemitismus und sonstige mörderische Gesinnung ernst. Aber jeden Kretin unter Kontrolle halten, der austickt, kann man nicht. Das Bedürfnis dieser Gesellschaft nach Annullierung aller Lebensrisiken ist ohnehin schon jenseits allen Grenznutzens verwirklicht. Jetzt wird man der Gesellschaft die Notwendigkeit zu Vollmachten umfassender Überwachung eintrichtern, um auch den letzten unberechenbaren „Einsamen rechten Wolf“ auszumerzen, der da draußen lauert, und die Gesellschaft wird unter dem Eindruck des gewalttätigen Antisemitismus einwilligen. Es tut mir leid, ich sehe hier bis auf besseres Wissen einen pathologischen Einzeltäter-Fall mit eigenartigen Show-Elementen. Nun sollten wir aufpassen, dass die Realität nicht vollends Kintopp wird und der verwundete mutmaßliche Täter, der angeblich schon Selbstmordgedanken äußert, unglücklich auf dem OP-Tisch verstirbt oder sich selber richtet und alle Enden dieses Falles im Wasser landen. Oder wir einen informationsfreien Prozess erleben, in dem der Verurteilte nichts zum Besten gibt. Eine bemerkenswerte Analyse der Tat und des zeitgeistigen Gesellschaftskontextes finden Sie übrigens bei Jürgen Elsässer – s. https://www.compact-online.de/das-monster-von-halle/. Die kann ich regen Geistern nur empfehlen. Festhalten will ich, dass manche Situationen gesellschaftlicher Großkrise, in denen der künftige Kurs der Gesellschaft auf der Kippe zu stehen scheint, ihre spektakulären signalhaften Fälle geradezu regelhaft hervorzubringen scheinen, um „Gewissheiten“ und Prioritäten zu befestigen: So wird Geschichte geschrieben.

Zuletzt, die Medien. Schaue ich mir die heutige BILD online an – da war „Halle“ heute garantiert, mit Videoeinlagen und mit detaillierten Grafiken vom Ablauf der Mordfahrt. Bild war dabei, hätte man früher gesagt, und überhaupt standen die Medien überraschend schnell Gewehr bei Fuß. Auch als eine spektakuläre gewaltsame „Seenotrettung“ in Lampedusa in Szene gesetzt wurde, war offenbar ein Kamerateam auf dem Schiff. Ich bin mir bis heute nicht klar, was jenseits der volkspädagogischen Absichten (die Realität der lauernden Bedrohung zelebrieren!) mit der heutigen Form von Berichterstattung eigentlich bezweckt wird. Der Mörder, den wir gestern erleben mussten, war ein typischer Antiheld. Auch der Mörder von Christchurch (Neuseeland) war ein Antiheld. Der medial stilisierte Typus des gewalttätigen weißen Verlierers (selbsternannten „Heimatschützers“), der schon seit geraumer Zeit, mindestens seit dem Oklahoma-Bomber (1995) Timothy McVeigh als Topos durch unsere Medien geisterte, wird hier geradezu spektakulär bestätigt und als Realität und ständige gesellschaftliche Bedrohung manifestiert. Dies wird – im Gegensatz zu manchen anderen Tätermustern – geradezu mit obszönem, frivolem Genuss zelebriert. Wir bekommen Vollnamen und Originalvideo. Den Tätern wird zudem Gelegenheit gegeben, sich selber darzustellen. Der Negativheld kann sich in geradezu pornographischer Weise verherrlichen, geläufig in deutschen Medien seit dem Geiseldrama von Gladbeck (1988) – und in frivoler Weise in einem Video der Rockgruppe Rammstein („Ich will“) persifliert. Der gesellschaftliche Minusmann erlebt den Ruhm durch ein ambivalentes Publikum; in „seinem Moment“ stellt er sich jenseits von Gut und Böse und erfährt die Aufmerksamkeit, die er als graue Existenz niemals hätte haben können. Die Medien suchen Sensationen, und, seien wir ehrlich, sie suchen sie jenseits von Gut und Böse. Vorbei ist die Zeit der behüteten drei Programme, in denen einem nichts Schlimmeres als Derrick passieren konnte. Real ist die Zeit der in jeder Hinsicht „wertfreien“ Sensation, eines Hungers, dessen Befriedigung ständig gesteigert werden muss, einer Lücke, die niemals gestopft werden kann. Sie können heute Sex & Crime zu jeder Tageszeit haben, und sie bekommen Trash-Casting-Shows als falsche Hoffnung auf Anerkennung im Leben serviert: „Du bist der Superstar, gerade wenn du nach bürgerlichen Maßstäben ein Würstchen bist. Du wirst der Ego-Shooter, der die Welt gewaltsam ändern will, ohne konstruktives Ziel oder Plan zu haben. Wenn du nichts wert sein darfst, dann ist auch das Leben anderer Menschen nichts mehr wert. Du ziehst es durch. Freilich, ich habe heute kein Bild für dich: Du bist ein Idiot!“

Die integrative Bindungskraft unserer Gesellschaft ist nicht zuletzt in dem Maße geschwunden, wie man uns erzählt hat, sie sei vielfältig, wie man schillernde künstliche Konstrukte errichtet und täglich beschwört. Man hat die Gesellschaft überfordert und jetzt gehen die Säume auf. Die AfD ist nicht zuletzt ein Symptom für den Protest gegen die Zerstörung des Verbindenden – sei es Nation, Recht, Ehe und Familie, politische Mitbestimmung, Identität. Behandelt wird die AfD freilich als der Beelzebub, der Diabolos, der Durcheinanderwerfer, der Zerstörer aller lichten Träume. Wer uns so darstellt, handelt falsch. Er weiß es, und er ist selbst hilflos. In Halle wurde die Sorte losgelassen, die heute nicht gebunden werden kann, und sie soll offensichtlich zur Verteufelung derjenigen gebraucht werden, die funktionierende Werte reaktivieren die Gesellschaft aus der Desorientierung führen wollen.

Ihr

Emil Sänze